Prof. Dr. Paul Imhof über Glaube, Freiheit und die Krise unserer Zeit
Braucht der Mensch Glauben – oder genügt Vernunft?
Ist Unglaube wirklich das Gegenteil von Glauben – oder nur seine andere Gestalt?
Im Gespräch mit Prof. Dr. Paul Imhof geht es nicht um religiöse Schlagworte, sondern um Grundfragen menschlicher Existenz: Freiheit, Beziehung, Wahrheit und Verantwortung. Der Philosoph und Theologe spricht über seinen eigenen Weg zwischen Zweifel und Erleuchtung, über die Versuchung der Selbstoptimierung – und darüber, warum nicht fehlende Strukturen, sondern die „Nichtanerkennung des Geistes“ zur eigentlichen Krise unserer Gesellschaft geworden ist.
Ein Interview über Glaubwürdigkeit, Demut und die Frage, wem – oder was – wir unser Herz geben.
Herr Professor Imhof, ganz grundlegend gefragt: Braucht der Mensch Ihrer Ansicht nach Glauben – oder wäre eine Gesellschaft auch ohne Glauben denkbar?
Denkbar ist fast alles, aber faktisch ist es so, dass es Menschen gibt, die an Gott glauben. Glauben aber heißt nicht, möglichst viel Unverständliches für wahr halten zu sollen. Daher unterscheide ich zwischen Glaube von Irrglauben und Aberglauben. Wer zwischenmenschlich immer ja aber, aber, aber sagt, macht nur auf eine unfreie, missglückte Beziehung aufmerksam.
Viele Menschen sagen heute von sich: „Ich glaube nicht.“ Würden Sie zustimmen, dass auch dieses „Nicht-Glauben“ bereits eine Form von Glauben ist – nämlich der Glaube an etwas anderes?
Provokativ geantwortet: Ich glaube den Menschen ihren Glauben und bei Bedarf auch ihren Unglauben. Warum? Weil ich ein Humanist bin. Ich glaube heißt im Lateinischen credo und das kommt von cor-do, d.h.: Ich gebe mein Herz. Ich halte keinen Menschen für herzlos. Aber natürlich hängen manche Menschen ihr Herz auch an irgendetwas, was sich im Nachhinein als unwahr oder nicht glaubwürdig erweist.
Wenn wir akzeptieren, dass der Mensch immer an etwas glaubt: Braucht es dann einen Rahmen für Glauben – moralisch, gesellschaftlich oder spirituell? Und wer oder was definiert diesen Rahmen?
Es reicht kommunikationstheoretisch nicht aus, nur an etwas zu glauben. Man verhält sich dann prinzipiell unter dem Niveau der eigenen Freiheit. Wir sind Personen. Zwischenmenschlich glaube ich jemand, nicht nur an ein Etwas. Einen Rahmen halte ich für mich für überflüssig. Eine gute Glaubensgemeinschaft ist allerdings ein hoher Wert.
Sie beschäftigen sich seit vielen Jahren wissenschaftlich und persönlich mit Glaubensfragen: Wie sah Ihr eigener Glaubens-Werdegang aus? Gab es Brüche, Zweifel, vielleicht auch bewusste Abkehr – und was hat Sie letztlich geprägt?
Ja, ich habe in Philosophie und in Theologie promoviert und doziere zurzeit an verschiedenen Universitäten und Hochschulen. Zudem leite ich das Christozentrische Lehrhaus der Akademie St. Paul. Selbstverständlich kenne ich die Welt des Zweifels. Ich schätze Nietzsche und Feuerbach. Ich lebte lange als Mönch, bin nun Vater von vier Töchtern und mit fünf Enkelkindern gesegnet. Zudem bin ich mit Stephanie Imhof verheiratet. Das ging nicht alles ohne Bruchstellen und Brüche ab.
Durch ein Erleuchtungserlebnis vor vielen Jahren gibt es dennoch eine große Kontinuität und nicht nur Diskontinuität in meinem Leben.
In einer Zeit von Individualismus und Selbstoptimierung: Welche Rolle kann oder sollte Gott heute noch spielen – nicht abstrakt, sondern ganz konkret im Leben eines Menschen?
Der Individualismus ist ein Egoismus. Warum? Um Thomas von Aquin zu zitieren, der Aristoteles rezipierte. Individuum est indivisum in se et divisum ab omne alio, d.h. ein Individuum ist ungeteilt in sich und getrennt von allem anderen. Wie soll da Selbsthingabe und Annahme eines anderen in Liebe glücken?
Und nun zur Selbstoptimierung. An den Kirchenfenstern steht da und dort noch D.O.M. Für Gott, Domino, den Besten, Optimo und den Größten, Maximo. Sobald sich Menschen anstelle Gottes setzen, beginnt der Stress, zu werden wie Gott, kurzum, der Größenwahn, mit oft schrecklichen Folgen für die Mitmenschen. Was ist gut für deinen Körper, deine Seele und deinen Geist? Das lohnt sich zu tun. Und das ist mehr als genug. Keiner muss der Beste sein.
Und ganz persönlich gefragt: Welche Bedeutung hat Jesus Christus für Sie selbst – intellektuell, spirituell und im Alltag? Hat sich diese Beziehung im Laufe Ihres Lebens verändert?
Ich glaube an Jesus Christus. Er und seine Botschaft ist für mich glaubwürdig. Sein Geist, der Heilige Geist, wirkt weiter. Daher studiere ich das Leben Jesu Christi und seine Wirkungsgeschichte. Als Pastor im Ehrenamt höre ich, was Menschen mir erzählen und sagen. Ich predige, halte Vorlesungen, schreibe Bücher, taufe, verheirate und beerdige. Dies ist mein Alltag.
In lebendigen Beziehungen lernt man immer dazu, das heißt, sie verändern sich. Christen sind keine besseren Menschen als andere, sondern leben in einer zusätzlichen Beziehung zu Jesus Christus.
Zum Abschluss mit Blick auf die Gegenwart: Wenn Sie auf unsere Gesellschaft schauen – Krisen, Polarisierung, Orientierungslosigkeit, was fehlt uns Ihrer Meinung nach mehr: Glaube, Vertrauen oder Demut?
Die Frage erinnert mich an mein Interview mit dem 103-jährigen Herrn Pickert in Borchem. Was ist die größte Not in Deutschland? fragte ich vor 20 Jahren den Freund von Rudolf Steiner. Er antwortete nichts. Dieselbe Frage noch einmal. Da hatte er eine Inspiration und antwortete klar und voller Wucht: Die Nichtanerkennung des Geistes! Damit beginnt der Werteverfall.
Die Geister sind zu unterscheiden. Wes Geistes Kind ist jemand? Das hebräische Wort Ämät bedeutet zugleich so viel wie Wahrheit, Vertrauen und Glauben. Das Wort Emunah ist die Intensivform. Daher kommt unser deutsches Wort Amen. Wahr ist das was stimmt. In der Emmausgeschichte wird nicht nur der Sinn der Heiligen Schrift erklärt, sondern auch berichtet, wie man seinen Frieden auf Erden finden kann. Der Langtext steht beim Evangelisten Lukas im 24. Kapitel.
