Ein Interview geführt von Sandra Bünger, Journalistin und Vizepräsidentin WAVe mit dem Präsidenten Waldemar Herdt
- Sehr geehrter Herr Präsident, in Zeiten von Kriegen, wachsender Unsicherheit, gesellschaftlicher Spaltung, wirtschaftlichem Druck und einem kaum noch überschaubaren Informationsstrom: Was fehlt den Menschen Ihrer Beobachtung nach im Kern am meisten? Und warum greifen viele der politischen, medialen oder technischen Antworten genau an diesem Punkt zu kurz?
Was den Menschen im Kern fehlt, ist innere Orientierung. Nicht Information – davon haben wir zu viel –, sondern Verortung: Wer bin ich? Wofür trage ich Verantwortung? Was gibt mir Halt, wenn äußere Systeme wanken?
Viele Antworten unserer Zeit bleiben an der Oberfläche. Politik versucht zu verwalten, Medien zu erklären, Technologie zu optimieren. Doch das eigentliche Vakuum ist ein geistiges. Wenn der Mensch keinen inneren Kompass mehr hat, wird jede äußere Lösung fragil. Dann entstehen Angst, Aggression oder Rückzug.
Wir haben gelernt, Systeme zu reparieren, aber vergessen, den Menschen zu stärken. Genau dort liegt die Lücke – und sie lässt sich nicht mit Algorithmen oder Verordnungen schließen. - Frieden wird heute oft als politisches Ziel oder diplomatische Leistung verstanden. Sie sprechen jedoch von einem tieferen Frieden. Was unterscheidet echten Frieden von bloßer Abwesenheit von Krieg – und warum scheitern so viele Friedensprozesse genau an diesem Punkt?
Echter Frieden beginnt nicht am Verhandlungstisch, sondern im Menschen selbst. Die bloße Abwesenheit von Krieg ist ein Zustand, kein Frieden. Frieden entsteht dort, wo der Mensch nicht mehr innerlich im Kampf steht – gegen andere, gegen Systeme, gegen sich selbst.
Viele Friedensprozesse scheitern, weil sie Symptome behandeln, nicht Ursachen. Verträge regeln Interessen, aber sie heilen keine verletzten Identitäten, keinen historischen Schmerz, keine Angst vor dem Anderen.
Ohne Wahrheit, ohne Anerkennung von Schuld, ohne Bereitschaft zur inneren Umkehr bleibt Frieden ein fragiles Konstrukt. Stabiler Frieden braucht moralische Substanz – sonst ist er nur eine Pause zwischen Konflikten. - Der Begriff „Völkerverständigung“ wird häufig verwendet, wirkt aber zugleich leer oder ritualisiert. Was braucht es aus Ihrer Sicht, damit Verständigung zwischen Kulturen und Nationen nicht auf Konferenzen endet, sondern im Denken, Handeln und Fühlen der Menschen ankommt?
Völkerverständigung scheitert dort, wo sie nur organisatorisch gedacht wird. Wirkliche Verständigung beginnt nicht bei politischen Eliten, sondern bei der Anerkennung der Würde des Anderen – unabhängig von Herkunft, Geschichte oder Weltanschauung.
Es braucht ehrliches Interesse, nicht strategische Neugier. Zuhören, ohne sofort bewerten zu wollen. Und den Mut, Unterschiede stehen zu lassen, statt sie zu nivellieren.
Aus dem osteuropäischen Raum wissen wir: Misstrauen verschwindet nicht durch Worte, sondern durch verlässliches Handeln über Zeit. Verständigung wächst langsam – aber sie ist möglich, wenn sie auf Wahrheit und Respekt gründet, nicht auf Ideologie. - Traditionelle Werte stehen heute oft unter Generalverdacht, Fortschritt zu behindern. Gleichzeitig erleben wir Orientierungslosigkeit und gesellschaftliche Spaltung. Welche Rolle spielen traditionelle Werte aus Ihrer Sicht wirklich – als Bremse oder als Fundament für eine gesunde Zukunft?
Traditionelle Werte sind kein Gegenpol zum Fortschritt, sondern seine Voraussetzung. Ohne Werte gibt es keine Richtung, nur Bewegung. Fortschritt ohne Fundament wird zum Selbstzweck – schnell, aber orientierungslos.
Werte wie Verantwortung, Familie, Treue, Maß und Respekt haben Generationen getragen, weil sie dem Menschen Stabilität geben. Sie schützen nicht vor Veränderung, sondern vor Beliebigkeit.
Gesellschaften zerfallen nicht, weil sie zu viele Werte haben, sondern weil sie keine gemeinsamen mehr teilen. Traditionelle Werte sind kein Rückschritt – sie sind ein Anker in bewegten Zeiten. - Meinungsfreiheit ist eines der großen Schlagworte unserer Zeit – und zugleich eines der umkämpftesten. Wo endet für Sie echte Meinungsfreiheit, und wo beginnt Manipulation, Angststeuerung oder moralischer Druck? Und was macht das langfristig mit einer Gesellschaft?
Meinungsfreiheit endet dort, wo Angst beginnt. Nicht dort, wo jemand widerspricht – sondern wo Menschen schweigen, weil sie Konsequenzen fürchten.
Manipulation entsteht nicht nur durch Lügen, sondern auch durch einseitige Narrative, moralische Etikettierung und sozialen Druck. Wenn Abweichung sanktioniert wird, ist Freiheit bereits beschädigt – auch ohne formale Zensur.
Langfristig zerstört das Vertrauen. Menschen ziehen sich innerlich zurück, sprechen nur noch im geschützten Raum oder gar nicht mehr. Eine Gesellschaft, die Angst vor freiem Denken hat, verliert ihre geistige Substanz. - Glaube wird im öffentlichen Diskurs oft privatisiert oder als trennend dargestellt. Sie vertreten einen anderen Ansatz. Welche Kraft liegt Ihrer Ansicht nach im Glauben – nicht als Dogma, sondern als verbindendes Element für Gemeinschaft, Verantwortung und Menschlichkeit?
Glaube ist keine Ideologie, sondern eine innere Haltung. Er erinnert den Menschen daran, dass er nicht das Maß aller Dinge ist – und genau darin liegt seine befreiende Kraft.
Glaube verbindet, weil er Demut lehrt. Verantwortung vor Gott führt zu Verantwortung gegenüber dem Mitmenschen. Dort, wo Glaube authentisch gelebt wird, entsteht Gemeinschaft nicht aus Zwang, sondern aus Mitgefühl und Pflichtbewusstsein.
In vielen Kulturen ist Glaube weniger Theorie als Lebenspraxis. Er gibt Halt in Krisen und Orientierung in Zeiten, in denen äußere Sicherheiten zerbrechen. - Wenn wir all diese Themen zusammenführen – Frieden, Werte, Freiheit, Glaube, Gemeinschaft – bleibt am Ende ein Wort, das oft belächelt wird: Liebe. Welche Bedeutung hat Liebe aus Ihrer Sicht in einer Weltpolitik, die vor allem von Interessen, Macht und Angst geprägt scheint? Und ist Liebe vielleicht realistischer, als viele denken?
Liebe ist kein Gefühl, sondern eine Haltung. Sie bedeutet Verantwortung zu übernehmen – auch dort, wo es unbequem wird. In diesem Sinne ist Liebe hochpolitisch, weil sie dem Prinzip der Angst widerspricht.
Eine Politik ohne Liebe wird kalt, zynisch und kurzsichtig. Liebe hingegen sucht nicht den schnellen Vorteil, sondern das langfristig Richtige. Sie sieht den Menschen, nicht nur das Interesse.
Vielleicht wird Liebe gerade deshalb belächelt, weil sie Mut erfordert. Doch ohne Liebe gibt es keine Versöhnung, keine Gemeinschaft und letztlich keinen Frieden. In Wahrheit ist Liebe nicht naiv – sie ist die realistischste Kraft, die wir haben. Und aus meiner Sicht hat die Bibel die Liebe sehr ausführlich und verständlich beschrieben.
Erster Korintherbrief 13,4–8.
„Die Liebe ist langmütig und freundlich. Die Liebe eifert nicht, sie prahlt nicht, sie bläht sich nicht auf. Sie handelt nicht ungehörig, sie sucht nicht das Ihre, sie lässt sich nicht erbittern, sie rechnet das Böse nicht zu. Sie freut sich nicht über die Ungerechtigkeit, sie freut sich aber an der Wahrheit. Sie erträgt alles, sie glaubt alles, sie hofft alles, sie duldet alles. Die Liebe hört niemals auf.“
Erster Korintherbrief 13,4–8.
„Die Liebe ist langmütig und freundlich. Die Liebe eifert nicht, sie prahlt nicht, sie bläht sich nicht auf. Sie handelt nicht ungehörig, sie sucht nicht das Ihre, sie lässt sich nicht erbittern, sie rechnet das Böse nicht zu. Sie freut sich nicht über die Ungerechtigkeit, sie freut sich aber an der Wahrheit. Sie erträgt alles, sie glaubt alles, sie hofft alles, sie duldet alles. Die Liebe hört niemals auf.“
